Drei Jahre Nächte, Laufrunden und Ruhepuls. Und eine neue Uhr im Karton, von einer anderen Marke. Spätestens beim Koppeln stellt sich die Frage: Was passiert mit allem, was bisher aufgezeichnet wurde? Manche schieben den Wechsel allein deshalb auf. Andere wechseln trotzdem und stellen Monate später fest, dass ihre Kurven am Kauftag beginnen.
Die gute Nachricht: Ihr Verlauf gehört Ihnen, rechtlich wie technisch. Die weniger gute: Keine Marke zieht ihn für Sie um. Dieser Leitfaden zeigt, wie Sie ihn sichern, wo er landen kann und was unterwegs zwangsläufig verloren geht.
Warum Ihre Daten nicht von selbst mitkommen
Eine Smartwatch speichert auf dem Gerät selbst kaum etwas. Die Daten liegen im Konto des Herstellers: Garmin Connect, die Health-App von Apple, Samsung Health oder das Google-Konto, in dem Fitbit inzwischen aufgegangen ist. Ein Wechsel innerhalb derselben Marke ist daher unproblematisch. Man meldet sich wieder an, und alles ist da.
Schwierig wird es beim Wechsel des Ökosystems. Jede Marke speichert Messwerte in ihrem eigenen Format, berechnet eigene Scores und hat kein geschäftliches Interesse daran, Ihnen den Abschied zu erleichtern. Die Data Transfer Initiative, eine gemeinnützige Organisation für Datenportabilität, benennt das Haupthindernis klar: umständliche Abläufe, bei denen Menschen ihre Daten von Hand herunterladen und weitergeben müssen.
Hinzu kommt eine weniger bekannte Falle: Automatische Brücken zwischen Apps reichen nicht in die Vergangenheit. Unter Android etwa hält die Dokumentation von Health Connect fest, dass eine App standardmäßig nur Daten aus den 30 Tagen vor der ersten Berechtigung lesen darf. Für ältere Daten braucht sie eine eigene Verlaufsberechtigung. Die neue App mit der alten zu verbinden, holt also keine drei Jahre zurück.
Was das Recht Ihnen bereits garantiert
In der EU gilt das Recht auf Datenübertragbarkeit nach Artikel 20 DSGVO auch für Wearables. Die französische Datenschutzbehörde CNIL nennt es ausdrücklich: Aktivitätsdaten, etwa die einer Smartwatch, gehören zu dem, was Sie in einem strukturierten, gängigen und maschinenlesbaren Format erhalten können. Sie dürfen sogar die direkte Übermittlung an einen anderen Anbieter verlangen, sofern das technisch machbar ist; eine Ablehnung muss das Unternehmen begründen.
Eine wichtige Grenze gibt es allerdings: Die Übertragbarkeit umfasst Daten, die Sie bereitgestellt oder erzeugt haben, nicht aber das, was der Dienst daraus abgeleitet hat. Schritte, Herzfrequenz und Trainingseinheiten fallen darunter. Ein hauseigener Score, der daraus berechnet wird, deutlich weniger sicher.
Was sich seit dem 12. September 2026 ändert
Der europäische Data Act ergänzt eine eigene Ebene für vernetzte Produkte. Seit September 2025 können Nutzer die von ihren Geräten erzeugten Daten anfordern, kostenlos und in maschinenlesbarem Format. Und für Produkte, die nach dem 12. September 2026 in der EU in Verkehr gebracht werden, schreibt die Verordnung einen „Zugang durch Design“ vor: Die Daten müssen dem Nutzer, soweit technisch möglich, direkt, einfach, sicher und strukturiert zugänglich sein (Verordnung (EU) 2023/2854, Artikel 3).
Ältere Uhren werden dadurch nicht über Nacht offener. Wer aber jetzt kauft, darf die einfache Exportierbarkeit mit gutem Grund zu den Kaufkriterien zählen.
Die Methode in vier Schritten
1. Zuerst das vollständige Archiv exportieren
Bevor Sie irgendetwas entkoppeln, fordern Sie den vollständigen Export Ihres alten Kontos an. Das ist Ihre Versicherung, egal was danach passiert.
- Apple Health: In der Health-App auf das Profilbild tippen, dann „Alle Gesundheitsdaten exportieren“. Sie erhalten ein Archiv im XML-Format.
- Garmin: Der Export wird in der Datenverwaltung Ihres Garmin-Kontos beantragt, wie der Hilfeartikel „How Do I Export Data Out of Garmin Connect?“ beschreibt. Die Erstellung des Archivs dauert eine Weile, planen Sie also etwas Zeit ein.
- Fitbit: Seit der Umstellung auf Google-Konten läuft der Export über Google. Achten Sie auf die Fristen: Google hat den 19. Mai 2026 als Ende des Zugangs mit Fitbit-Konto und den 15. Juli 2026 als Beginn der Löschungen nicht migrierter Daten festgelegt.
Der Fall Fitbit zeigt die Grundregel: Ein Verlauf geht selten beim Uhrenwechsel verloren, sondern an dem Tag, an dem ein Konto schließt, ohne dass jemand die Daten heruntergeladen hat.
2. Entscheiden, wo der Verlauf künftig liegt
Drei Möglichkeiten, von der einfachsten zur dauerhaftesten:
- Die Gesundheitszentrale des Smartphones (Apple Health auf dem iPhone, Health Connect unter Android). Viele Marken schreiben ihre Messwerte dorthin. Für die Zukunft ist das der bequemste Weg, die Vergangenheit holt er, wie gesehen, allein nicht zurück.
- Eine Import-App eines Drittanbieters, die das Archiv einer Marke liest und an anderer Stelle einspielt. Nützlich für Trainingseinheiten, die oft in gängigen Aktivitätsformaten vorliegen.
- Ein markenunabhängiges Werkzeug, das mehrere Quellen an einem Ort zusammenführt. Der Vorteil: Die nächste Uhr ist dann kein Umzug mehr, sondern nur eine neue angeschlossene Quelle.
3. Trennen, was mitreist und was nicht
Ehrlich gesagt lässt sich nicht alles sauber übertragen. Eine realistische Einordnung:
- Reist gut: tägliche Schritte, Trainingseinheiten (Dauer, Distanz, GPS-Spur), Gewicht, rohe Herzfrequenz.
- Reist schlecht: Schlafphasen, die jeder Algorithmus anders einteilt; Schätzungen zu VO2max oder Kalorienverbrauch, die nach herstellereigenen Formeln berechnet werden.
- Reist nicht: hauseigene Scores (Erholung, Energie, „Readiness“). Sie ergeben nur innerhalb des Ökosystems Sinn, das sie berechnet.
Gerade diese letzte Kategorie lässt viele zögern. Dabei ist ein proprietärer Score nie eine Messung, sondern eine Interpretation. Langfristig zählen die Rohdaten, die ihn speisen. Beim Blutdruck haben wir dieselbe Lücke gesehen: Was eine Uhr anzeigt, ist nicht immer das, was sie misst.
4. Eine Überlappungsphase einplanen
Tragen Sie, wenn möglich, einige Tage lang beide Uhren gleichzeitig. Nicht, um jeden Schritt zu vergleichen, sondern um systematische Abweichungen zu erkennen: eine Marke, die spürbar mehr Schritte zählt, oder eine, die durchweg längeren Schlaf erfasst. Ohne diesen Bezugspunkt deuten Sie einen Bruch in der Kurve womöglich als veränderten Lebensstil, obwohl nur der Sensor gewechselt hat.
Fehler, die den Verlauf kosten
- Das alte Konto zu früh löschen. Solange der Export nicht heruntergeladen und geöffnet ist, bleibt das Konto bestehen.
- Für die Vergangenheit auf die Synchronisation setzen. Brücken transportieren vor allem die Gegenwart. Die Vergangenheit reist über das Archiv.
- Migrationsfristen übersehen. Wenn eine Marke ihre Infrastruktur umstellt, wie Fitbit zu Google, zählen Termine mehr als Versprechen.
- Das Archiv nie prüfen. Eine heruntergeladene, aber nie geöffnete Datei ist keine Sicherung. Öffnen Sie sie mindestens einmal und prüfen Sie, ob Ihre Jahre wirklich darin stecken.
Und wenn Sie nie wieder umziehen müssten?
Die Lehre aus einem Uhrenwechsel lautet: Ein Verlauf, der in einer einzigen Marke eingeschlossen ist, bleibt verletzlich. Wer ihn vom Gerät trennt, verändert die Lage grundlegend. Die Uhr wird zu einem Sensor unter mehreren, austauschbar, und Ihre Datenjahre bleiben dort, wo Sie sie abgelegt haben.
Dieser Logik folgen wir bei Kantise: Quellen anbinden, etwa über die Withings-Verbindung, statt Sie an eine bestimmte Hardware zu binden. Warum wir uns dafür entschieden haben, erzählt unsere Seite Über uns.
Ein gut erhaltener Verlauf ist auch jenseits der persönlichen Neugier wertvoll. Ihn können Sie gegebenenfalls zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt mitnehmen, um einen Trend über mehrere Jahre zu zeigen statt eines einzelnen Messwerts.
FAQ
Darf meine alte Marke die Herausgabe meiner Daten verweigern?
In der EU nicht für Daten, die Sie selbst erzeugt haben: Das Recht auf Datenübertragbarkeit der DSGVO deckt sie ab, und die CNIL nennt Smartwatch-Daten ausdrücklich. Bei einer Weigerung können Sie sich mit einem Nachweis Ihrer Anfrage an die zuständige Datenschutzaufsichtsbehörde wenden.
Warum zeigt meine neue App nur den letzten Monat?
Unter Android beschränkt Health Connect das Lesen standardmäßig auf die 30 Tage vor der ersten Berechtigung. Für ältere Daten muss eine App eine eigene Verlaufsberechtigung anfordern. Andernfalls schließt der Import des Archivs die Lücke.
Macht der Data Act meine aktuelle Uhr offener?
Nicht unmittelbar. Die Pflicht zum „Zugang durch Design“ betrifft Produkte, die nach dem 12. September 2026 in der EU in Verkehr gebracht werden. Das Recht, die Daten Ihres Geräts kostenlos zu erhalten, gilt dagegen bereits seit September 2025.
Bleiben meine Erholungs- oder Schlafscores erhalten?
Selten in einer anderswo nutzbaren Form. Jeder Hersteller berechnet diese Scores nach eigener Methode. Bewahren Sie das Archiv zur Erinnerung auf, setzen Sie für die Kontinuität aber auf Rohdaten wie Schritte, Herzfrequenz und Trainingseinheiten.
Wie lange sollte ich das alte Konto nach dem Wechsel behalten?
Mindestens so lange, bis das Archiv heruntergeladen, geöffnet und sicher abgelegt ist. Danach eilt nichts mehr: Ein inaktives Konto kostet nichts, ein zu früh gelöschtes lässt sich nicht wiederherstellen.
Bereit für ein Tracking, das nicht mehr von Ihrer Uhr abhängt? Beginnen Sie heute mit dem Export Ihres Verlaufs. Es ist der einzige Schritt, der nicht warten kann.
Quellen
- CNIL, Le droit à la portabilité : obtenir et réutiliser une copie de vos données (auf Französisch).
- Verordnung (EU) 2023/2854 (Data Act), EUR-Lex.
- Alston & Bird (2025), The Data Act: 7 Things to Know About the Act & Connected Products.
- Android Developers, Health Connect: Read data.
- Google, How to move your Fitbit account to a Google Account.
- Apple, Share your data in Health on iPhone.
- Garmin, How Do I Export Data Out of Garmin Connect?
- Khazindar, Y. (2025), Data Portability for the Benefit of Society, Data Transfer Initiative.
Kantise ist ein Beobachtungswerkzeug, kein Medizinprodukt. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung: Bei Streitigkeiten über den Zugang zu Ihren Daten wenden Sie sich an Ihre Datenschutzaufsichtsbehörde.
