Produktivität~9 Min. Lesezeit

Die 23-Minuten-Regel stammt aus einem Interview

Geschrieben von Pierrick Mitgründer von Kantise
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14. Oktober 2026
Die 23-Minuten-Regel stammt aus einem Interview

Sie sind ihr mit ziemlicher Sicherheit schon begegnet: Nach einer Unterbrechung soll es 23 Minuten und 15 Sekunden dauern, bis man wieder konzentriert ist. Die Zahl steht in Artikeln über Homeoffice, in Schulungsunterlagen zur Produktivität und in etwa der Hälfte aller Fokus-Timer-Apps. Ihre Genauigkeit auf die Sekunde verleiht ihr den Anschein eines kontrollierten Experiments.

Ein kontrolliertes Experiment gibt es nicht. Diese Zahl steht in keiner veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit. Sie stammt aus einem Presseinterview aus dem Jahr 2006, sie bezeichnet etwas anderes als das, was ihr zugeschrieben wird, und die Forscherin, die sie genannt hat, präsentierte sie damals als gute Nachricht.

Die Zahl stammt aus einem Interview, nicht aus einer Publikation

Die Quelle lässt sich auf den Tag genau bestimmen. Am 8. Juni 2006 veröffentlichte das Gallup Business Journal ein Interview mit Gloria Mark, damals außerordentliche Professorin an der University of California, Irvine, und Spezialistin für Unterbrechungen am Arbeitsplatz. Auf die Frage, was mit unterbrochenen Aufgaben geschieht, antwortete sie, die meisten würden noch am selben Tag wieder aufgenommen — 81,9 Prozent — und zwar im Durchschnitt „in 23 Minuten und 15 Sekunden, was ich für gar nicht so lang halte“.

Dieser Nachsatz verdient Aufmerksamkeit. Die Zahl, die die Produktivitätsbranche heute als attentionale Katastrophe präsentiert, wurde im Tonfall der Erleichterung geäußert. Sie beschrieb eine recht zügige Rückkehr, keinen Verlust.

Ein Entwickler unternahm 2023 den Versuch, die Zahl bis zur ursprünglichen Publikation zurückzuverfolgen. Er prüfte die fünf üblicherweise als Beleg angeführten Arbeiten — darunter The Cost of Interrupted Work, die am häufigsten zitierte — und fand die Zahl in keiner einzigen davon. Weder 23 Minuten noch 15 Sekunden. Die berühmteste Zahl der Aufmerksamkeitsforschung wurde nie von Fachkollegen begutachtet.

Was die tatsächliche Studie gemessen hat: 25 min 26 s, und nicht das, was Sie annehmen

Eine Publikation existiert durchaus, und sie nennt eine benachbarte Zahl. Im Jahr 2005 stellten Gloria Mark, Victor González und Justin Harris auf der CHI-Konferenz eine direkte Beobachtungsstudie an 24 Wissensarbeitern vor, im Arbeitsalltag mit der Stoppuhr erhoben. Das Ergebnis ist eindeutig: Wird eine unterbrochene Aufgabe am selben Tag wieder aufgenommen, geschieht dies im Durchschnitt nach 25 Minuten und 26 Sekunden.

Nur misst diese Dauer nicht die Zeit bis zur Wiederherstellung der Konzentration. Sie misst die Verzögerung bis zur Rückkehr zur Aufgabe — den Abstand zwischen dem Moment, in dem Sie sie beiseitelegen, und dem Moment, in dem Sie sie wieder öffnen. Dazwischen haben die Teilnehmenden, wie die Autoren ausdrücklich festhalten, im Schnitt 2,26 andere Arbeitsbereiche bearbeitet. Diese 25 Minuten sind keine 25 Minuten geistiger Umnebelung: Es sind 25 Minuten, in denen Sie zwei andere, oft nützliche Dinge erledigt haben.

Dieser Unterschied verändert alles. „Man braucht 23 Minuten, um sich wieder zu konzentrieren“ beschreibt eine kognitive Beeinträchtigung. „Man kehrt nach 25 Minuten zu einer unterbrochenen Aufgabe zurück, nachdem man zwei weitere bearbeitet hat“ beschreibt eine Arbeitsorganisation. Die erste Aussage lädt zu schlechtem Gewissen ein, die zweite dazu, den eigenen Kalender anzusehen.

Die Standardabweichung, die niemand jemals zitiert

Dieselbe Passage der Studie von 2005 enthält eine zweite Angabe, die in allen Wiedergaben durchgängig fehlt: Die Standardabweichung dieser Wiederaufnahmeverzögerung beträgt 54 Minuten und 48 Sekunden. Sie ist mehr als doppelt so groß wie der Mittelwert.

Bei einer Dauer, die nicht negativ werden kann, signalisiert eine Standardabweichung oberhalb des Mittelwerts eine stark schiefe Verteilung: eine Masse schneller Rückkehrvorgänge und ein langer Ausläufer von Aufgaben, die erst Stunden später wieder aufgenommen werden und den Durchschnitt nach oben ziehen. Der „Durchschnitt“ von 25 Minuten beschreibt somit die Erfahrung von so gut wie niemandem. Er ist das rechnerische Produkt zweier sehr unterschiedlicher Populationen von Unterbrechungen.

Es ist dieselbe statistische Falle wie bei runden Schwellenwerten, die ohne Differenzierung angewendet werden, etwa der Regel von zwei Stunden Bildschirmzeit pro Tag: Eine bequeme Zahl verbreitet sich umso besser, je vollständiger sie unterwegs jene Streuung verloren hat, die sie ehrlich machte.

2008 kommt dasselbe Team zum gegenteiligen Ergebnis

Drei Jahre später wechselten Gloria Mark, Daniela Gudith und Ulrich Klocke vom Feld ins Labor und unterbrachen Teilnehmende gezielt während einer Aufgabe zur E-Mail-Bearbeitung. Sie erwarteten, einen Zeitverlust zu messen. Sie maßen das Gegenteil.

Die unterbrochenen Teilnehmenden schlossen ihre Aufgabe schneller ab als die Kontrollgruppe: 20,31 beziehungsweise 20,60 Minuten je nach Bedingung gegenüber 22,77 Minuten ohne Unterbrechung, bei gleichbleibender Qualität. Die Deutung der Autoren lautet, dass Menschen kompensieren: Wer weiß, dass er gestört werden wird, beschleunigt und schreibt weniger.

Die Kosten existieren, aber sie liegen nicht dort, wo man sie gesucht hat. Auf den Skalen zur mentalen Beanspruchung fielen die Unterbrechungsbedingungen signifikant höher aus bei Stress, Frustration, Zeitdruck und Anstrengung — nach lediglich zwanzig Minuten zerstückelter Arbeit. Der Preis der Unterbrechung wird nicht in verlorenen Minuten bezahlt, sondern in Verschleiß.

Was nach dem Ausräumen des Mythos bestehen bleibt

Eine Zahl zu demontieren demontiert nicht das Phänomen. Drei Befunde, die weit belastbarer sind als die 23 Minuten, halten einer Prüfung problemlos stand.

  • Eine Benachrichtigung genügt, selbst wenn sie ignoriert wird. Cary Stothart, Ainsley Mitchum und Courtney Yehnert zeigten 2015, dass allein der Empfang eines Anrufs oder einer Textnachricht die Leistung bei einer Daueraufmerksamkeitsaufgabe signifikant verschlechtert — ohne dass die Teilnehmenden das Telefon berührten. Die Probanden wussten nicht einmal, dass die Studie Benachrichtigungen zum Gegenstand hatte.
  • Die Fragmentierung hat zugenommen. Gloria Mark misst seit 2004 die Aufmerksamkeitsdauer am Bildschirm vor einem Wechsel. Sie betrug 2004 zweieinhalb Minuten, 2012 noch 75 Sekunden und liegt inzwischen bei etwa 47 Sekunden.
  • Der gegenwärtige Rhythmus ist dokumentiert. Eine Erhebung von Ipsos bva für Uside, durchgeführt vom 6. bis 11. März 2026 unter 1.000 repräsentativ ausgewählten französischen Beschäftigten, beziffert die Rate auf 4,7 Unterbrechungen pro Stunde, also eine alle 13 Minuten. 84 Prozent der Befragten berichten von konkreten Auswirkungen auf ihre Arbeit.

Beachten Sie, wie stimmig diese Zahlen zusammenpassen: eine Unterbrechung alle 13 Minuten bei einer Rückkehr zur ursprünglichen Aufgabe nach durchschnittlich 25 Minuten. Die beiden Werte widersprechen einander nicht, sie ergänzen sich — Sie werden erneut unterbrochen, bevor Sie zurückgekehrt sind.

Die Zahl, auf die es ankommt, ist Ihre eigene

Ein Mittelwert von 25 Minuten mit einer Standardabweichung von 55 Minuten sagt Ihnen nichts Brauchbares über Ihren Dienstag. Die richtige Frage lautet nicht „wie lange braucht man, um sich wieder zu konzentrieren“, sondern „wie lange halte ich durch, und wann“. Vier Messgrößen genügen, und Ihre Geräte erzeugen sie bereits.

Die Zahl der täglichen Entsperrvorgänge. Android und iOS zählen sie ohne zusätzliche Installation. Sie ist der ehrlichste Indikator für Selbstunterbrechung — jene Art, die das Interview von 2006 bereits auf rund 44 Prozent aller Unterbrechungen bezifferte. Knapp die Hälfte der Unterbrechungen geht also von Ihnen selbst aus.

Die Länge Ihrer ununterbrochenen Arbeitsblöcke. Nicht ihre Anzahl, ihre Dauer. Ein Nachmittag mit vier Blöcken zu 40 Minuten und ein Nachmittag mit sechzehn Blöcken zu 10 Minuten weisen dieselbe Gesamtarbeitszeit aus und haben nichts miteinander gemein.

Die Uhrzeit Ihrer Konzentrationseinbrüche. Sie ballen sich fast immer in zwei oder drei stabilen Zeitfenstern. Diese zu identifizieren ist sinnvoller, als sich eine allgemeine Regel aufzuerlegen: Dort kostet eine bewusst gesetzte Pause am wenigsten, ein Punkt, den wir in unserem Beitrag über Mikropausen und die Wiederherstellung der Aufmerksamkeit ausführen.

Der Stress, nicht die Stoppuhr. Das ist die eigentliche Lehre der Studie von 2008. Wenn Ihre Arbeitsleistung stabil bleibt, Ihr Ruhepuls in zerstückelten Wochen jedoch ansteigt, kostet Sie die Unterbrechung durchaus etwas — nur eben keine Zeit. Genau diese Reihen zusammenzuführen ermöglicht ein Cockpit, das Energie und Produktivität verbindet, statt beide in zwei Anwendungen zu verfolgen, die voneinander nichts wissen.

Keine dieser vier Messgrößen wird eine so griffige Zahl hervorbringen wie „23 Minuten und 15 Sekunden“. Genau das macht sie brauchbar: Sie beschreiben eine konkrete Person. Falls Ihnen der Ansatz zusagt, Sie aber nicht wissen, wo Sie beginnen sollen, steckt unsere Seite über Quantified Self für das Wohlbefinden den allgemeinen Rahmen ab.

FAQ

Ist die Zahl von 23 Minuten vollständig falsch?

Sie ist nicht erfunden: Gloria Mark hat sie tatsächlich genannt, gestützt auf ihre eigenen Felddaten. Falsch sind ihr Status und ihre Bedeutung. Sie wurde nie in einer begutachteten Arbeit veröffentlicht, und sie bezeichnet die Verzögerung bis zur Rückkehr zu einer unterbrochenen Aufgabe, nicht die Dauer bis zur Wiedererlangung der Konzentration.

Warum 23 min 15 s hier und 25 min 26 s anderswo?

Es handelt sich um zwei verschiedene Werte. Die 25 min 26 s stehen in der 2005 veröffentlichten Studie, die zudem angibt, dass 77,2 Prozent der Aufgaben am selben Tag wieder aufgenommen werden. Die 23 min 15 s stammen aus dem Interview von 2006, in dem die Wiederaufnahmequote mit 81,9 Prozent angegeben wird — also ein anderer, unveröffentlicht gebliebener Datensatz.

Kosten Unterbrechungen tatsächlich Zeit?

Nicht zwangsläufig, und das ist das kontraintuitivste Ergebnis der Literatur. Das Experiment von Mark, Gudith und Klocke zeigte 2008, dass unterbrochene Teilnehmende bei gleicher Qualität schneller fertig wurden, indem sie ihr Tempo erhöhten. Die Kosten verlagerten sich: mehr Stress, Frustration, Zeitdruck und empfundene Anstrengung.

Bringt es etwas, das Telefon stummzuschalten?

Die Studie von 2015 zu den Aufmerksamkeitskosten von Benachrichtigungen legt nahe, dass die Schwelle niedriger liegt als vielfach angenommen: Der Empfang eines Anrufs oder einer Nachricht verschlechterte die Leistung selbst dann, wenn die Teilnehmenden das Gerät nicht ansahen. Die Benachrichtigungen selbst zu reduzieren und nicht nur die Zeit, die man mit ihrer Beantwortung verbringt, steht daher im Einklang mit diesen Ergebnissen.

Womit beginne ich, um meine Unterbrechungen zu messen?

Mit der Zahl der täglichen Entsperrvorgänge, die Ihr Telefon bereits erfasst. Notieren Sie sie eine Woche lang, ohne etwas zu verändern, um eine Ausgangsbasis zu erhalten. Ergänzen Sie anschließend die Länge Ihrer ununterbrochenen Arbeitsblöcke: Diese Dauer, und nicht die Summe der geleisteten Stunden, unterscheidet einen dichten von einem zerstückelten Tag.

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